MARGUERITE THOMAS-CLEMENT (1886-1979)
Erste luxemburgische Abgeordnete
1919 wird das Frauenwahlrecht in Luxemburg eingeführt. Der Durchbruch bei den Wahlen gelingt nur einer von vier
Kandidatinnen bei den ersten Parlamentswahlen 1919, der Lehrerin
Marguerite Thomas-Clement. Sie wird auf der sozialdemokratischen Liste
im Wahlbezirk Zentrum gewählt.
Marguerite Thomas-Clement nennt im Parlament Dinge beim Namen, die in
der Luxemburger Gesellschaft der Zwanzigerjahre meist ignoriert werden.
So weist sie 1919 auf die schlechten Arbeits- und Lohnbedingungen der
Frauen hin, die in der Eisenindustrie arbeiten. Sie kritisiert die
miserable Lage der weiblichen Hilfsangestellten beim Staat, reicht
erfolgreich eine Motion zur Beschränkung des Alkoholausschanks ein, und
macht sich zur "Sprecherin der Frauen", als sie die unhaltbaren
hygienischen Zustände in der hauptstädtischen Geburtsklinik anprangert.
Sie setzt sich für Prostituierte ein, die wegen ansteckender
Krankheiten im Frauengefängnis inhaftiert werden. Marguerite
Thomas-Clement reicht auch einen Gesetzesvorschlag ein, der "nach der
politischen Gleichstellung, auch die zivile und wirtschaftliche
Gleichstellung der beiden Geschlechter" vorsieht. Er verschwindet in
den Schubladen des Parlaments.
Frau Thomas-Clement bleibt bis 1931 die einzige Abgeordnete, sie
wechselt aus dem sozialdemokratischen ins linksliberale Lager. 1931
wird sie aufgrund des Zersetzungsprozesses innerhalb dieser politischen
Strömung nicht wiedergewählt. Von nun an wird bis 1965 keine Frau mehr
in der luxemburgischen Kammer vertreten sein.
(Renée Wagener)
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1989, anlässlich des 70. Jahrestages meinte Berthe Schmitz in einem Interview im Luxemburger Wort:
“Nun
sollte das Ereignis des Jahrhunderts stattfinden: die als erste
gewählte Luxemburgerin sollte vereidigt werden, und wir mussten die
Schulbank drücken. Kam nicht in Frage. Diese Sache mußte man gesehen
haben, da mußte man dabei geweisen sein. (…) Mit heiler Haut kamen wir
ins Parlament. Zu der Zeit gab es noch auf der reservierte Plätze für
die Damen. Réservé aux dames stand auf der Rücklehne einer Bank
geschrieben. Waren wir Damen? Klopfenden Herzens nahmen wir Platz und
warteten der Dinge, die da kommen sollten.
(…)
Inzwischen hatte die Eidesleistung begonnen. Nun stand Madame Thomas
auf dem Podium. Wir verschlangen sie mit unseren Blicken. Der
hochgestreckte Arm, die ausgestreckten Schwurfinger, die feierlichen
Eidesformels, die beobachtenden, abwägenden Blicke der männlichen
Kollegen – alles das tribe un seine Gänsehaut über den Rücken. Eine
Geschlechtsgenossin hatte sich in die Arena gewagt, hatte den Mut
aufgebracht, als erste Frau in der luxemburgischen Geschichte
politische Verantwortung zu übernehmen und hatte feierlich geschworen,
ihr Bestes zu tun. Die Welt um uns versank. Uns blieb der Eindruck des
Einmaligen, des Nichtwiederholbaren.” (Berthe Schmitz, 1979)