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Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist im Bereich der politischen
Partizipation eine Rückwärtsentwicklung zu verzeichnen. Erst die im und
nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Frauen, die frühestens Anfang der
60er Jahre volljährig wurden, brachten den Mut, die Energie und auch
die Kraft auf, die traditionelle Rolle der Frau in Frage zu stellen.
Der Anteil der Frauen, die über bessere Bildung und höheres Selbstbewusstsein verfügten, hatte sich beträchtlich erweitert. Das neue Interesse von Frauen an der Politik hatte auch mit einer fundamentalen gesellschaftlichen Trendwende in dieser Zeit zu tun. Frauen, die in den 60er Jahren zwischen 15 und 30 Jahren alt waren, erhielten genauso wie die Männer einen Politisierungsschub durch die Studentenunruhen.
Marcelle Lentz-Cornette, eine langjährige Politikerin, führt die
veränderte Einstellung der Frauen in den Sechzigerjahren auf zwei
Faktoren zurück: die Pille und den Beruf. „Do ass am Fong
d’Reaktioun vun der Pëll engersäits, dass d’Frae konnten hir
Familiesituatiounen e bësse selwer an d’Hand huelen, regléieren; och
Fraen, déi e Beruff haten. An duerch de Beruff: Eng Fra di eng Pei
huet, huet eng aner Approche zu engem Mann an zu Männer, wi eng di keng
Pei huet. Déi Ofhängegkeet ass ewechgaangen, an ech mengen, doduerch
ass eben d‘Fräiheet komm.“
Die Gewerkschaftsfunktionärin (LAV) und Präsidentin der "Femmes
socialistes" rückt 1965 ins Parlament für Antoine Krier (LSAP) nach,
der Minister wird. Damit gibt es zum ersten Mal seit 1931 wieder eine
weibliche Abgeordnete.
Bei ihrer Antrittsrede verweist sie darauf, dass das verfassungsmäßig
verankerte Gleichheitsprinzip "fir déi grouss Majoritéit vun de
Staatsbierger, déi als bestuete Frae virum Gesetz hei a Lëtzebuerg
trotz der Verfassong mannerwäerteg sinn", nicht verwirklicht sei.
"Ech si frou, hei d'Geléenheet ze hunn, (...) den Appell un
d'Regirong an u meng Kollegen Deputéierten ze riichten, déi berechtegt
Fuerderung vun de Lëtzebuerger Fraen - et sinn Är Wielerinnen -
prioritär an deser Legislaturperiod enger gudder Léisung entgéint ze
féieren."
Gemeinsam mit vier anderen Abgeordneten reicht sie anschließend einen Gesetzesvorschlag zur Reform der Zivilrechte ein.
Kurz darauf wird Astrid Lulling auch ins Europäische Parlament genannt.
Von 1970 bis 1985 ist sie Bürgermeisterin von Schifflingen. Nach ihrem
Austritt aus der LSAP gründet sie die Sozial-Demokratische Partei
(SDP), um später zur CSV zu wechseln.
Die Gründung des MLF geht zurück auf die 68er Bewegung, an der auch
viele Frauen beteiligt waren. Vor allem die französische und die
deutsche Frauenbewegung beeinflussten die Gründerinnen und
Aktivistinnen des MLF. Auch die jungen Luxemburger Frauen stellten das
traditionelle Geschlechterverhältnis in Frage.
Sie wollten nicht mehr leben wie ihre Mütter, lehnten das
Hausfrauenmodell der fünfziger Jahre ab und wollten einen bezahlten
Beruf ausüben.
Dazu kam ein starkes Bewusstsein der Frauen darüber, dass ihre Rechte
in Luxemburg stark beschnitten waren: Die Zivilgesetzgebung, der Code
Napoléon, machte verheiratete Frauen zu Unmündigen, die ihren Männern
gehorchen mussten. Das Scheidungsrecht diskriminierte die Frauen.
Daneben waren ungleiche Löhne an der Tagesordnung, Verhütung ein
Tabuthema und Schwangerschaftsunterbrechung strafbar.
Am 14. Februar 1972 wurde von sechzehn Frauen - viele von ihnen
Juristinnen - der MLF gegründet. Sein offensichtlichster Erfolg betraf
die Diskussion um die Reform des "Code civil". Es gelang dem MLF, dem
sich andere Organisationen anschlossen, die Aufmerksamkeit der
Öffentlichkeit darauf zu richten, dass die geplanten Neuerungen nicht
die lang erwartete Reform der Ehegesetzgebung enthielten. Der Druck auf
die politisch Verantwortlichen verstärkte sich, so dass die gesamte
Reform im Mai 1974 gestimmt wurde. Daneben setzte sich der MLF mit
Erfolg für die Vereinfachung der Scheidungsprozedur und für die
Entkriminalisierung der Abtreibung ein. Die Organisation schaffte zudem
eine Reihe von weiteren Vereinen, von denen heute noch "Femmes en
détresse" existiert. Sie ist Trägerin von Frauenhilfsstrukturen wie
Notunterkünften, Wiedereingliederungs-programmen in den Beruf und
Kinderbetreuungsstätten.
Neue Formen der Begegnung zwischen Frauen wurden erprobt: So richtete
der MLF in seinem Lokal ein Café ein, zu dem nur Frauen Zutritt
hatten, und schuf eine Frauentheatertruppe. Last but not least setzte
sich der MLF auch für Lesbenrechte ein. Der MLF wurde zum politischen
und sozialen Treffpunkt für Lesben, die hier nicht nur über
gesellschaftliche Diskriminierungen von Homosexuellen diskutierten,
sondern auch politische Forderungen nach Gleichstellung entwickelten
und Gegenentwürfe zum klassischen heterosexuellen Beziehungsmodell
andachten.

Frauendemo vor dem Parlamentsgebäude
Der MLF, die Union des femmes luxem-bourgeoises und die Femmes
socialistes demonstrieren am 30. Mai 1972 gegen die geplante
halbherzige Reform des "Code civil". Auf den Schildern steht zu lesen:
"Haalt eis net fir blöd", "Keine faulen Tricks".
Premierminister Pierre Werner und Berichterstatter Georges Margue
werden von den etwa hundert Frauen ausgebuht. Währenddessen kümmern
sich einige Väter um die ad hoc-Kinderkrippe, die im Café de Paris
(Place d'Armes) eingerichtet worden ist.
Quellen:
Compte rendu des séances publiques de la Chambre des Députés.
Goffinet, Viviane: "Die Arbeiterinnen sollen heraustreten aus dem
Schatten ihrer Maschinen ..." : Frauen und Gewerkschaft zwischen 1900
und 1938. In: "Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen…" : Frauen
in Luxemburg 1880-1950. Hg. von Germaine Goetzinger, Antoinette Lorang,
Renée Wagener. Luxemburg, 1997, S. 239-254.
Scuto, Denis: Sous le signe de la grande grève de mars 1921 : les
années sans pareilles du mouvement ouvrier luxembourgeois 1918-1923.
Esch/Alzette, 1990.
Wagener, Renée: "Wie eine frühreife Frucht" : zur Geschichte des Frauenwahlrechts in Luxemburg. Luxemburg, 1994.
Wagener, Renée: Marguerite Thomas-Clement. "Sprecherin der Frauen" :
die erste Abgeordnete. In: "Wenn nun wir Frauen auch das Wort
ergreifen…" : Frauen in Luxemburg 1880-1950. Hg. von Germaine
Goetzinger, Antoinette Lorang, Renée Wagener. Luxemburg, 1997, S.
99-112.
Wagener, Renée: "Si hunn näischt ze erwaarde gehat, bei kengem." Die
politische Rolle der Frauen in der 50er Jahren. In: Luxemburg in den
50er Jahren : eine kleine Gesellschaft im Spannungsfeld von Tradition
und Modernität. (Publications scientifiques du Musée d’histoire de la
Ville de Luxembourg Bd. 3), Hg. von Claude Wey. Luxemburg, 1999, S.
159-181.