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Luxemburg gehört zu den europäischen Ländern, in denen das
Frauenwahlrecht verhältnismäßig früh eingeführt wurde. Seit seiner
offiziellen Unabhängigkeit 1839 galt in dem Kleinstaat ein
Zensuswahlrecht für Männer, d.h. das Wahlrecht hing von ihrer
persönlichen Vermögenslage ab.
1919 wurden die politischen Rechte den Frauen im Rahmen der Einführung
des allgemeinen Wahlrechts ohne größere Auseinandersetzung
uneingeschränkt zugestanden. In Luxemburg kam es nämlich nicht zu einer
strukturierten proletarischen Frauenbewegung.
Marguerite Mongenast-Servais (1882-1925)
Marguerite Servais wird in einer linksliberalen Schmelzherren-Familie
geboren. 1902 heiratet sie den Mineningenieur Paul Mongenast. 1918
tritt sie der "Action républicaine" bei, die sich gegen die Monarchie
wendet. In der sozialistischen Partei wird sie Parteisekretärin. Sie
versteht sich selbst als Frauenrechtlerin und setzt sich zwischen 1917
und 1919 in Artikeln und Aktionen für das Frauenwahlrecht ein – zum
Beispiel, indem sie Unterschriften für das Frauenwahlrecht sammelt.
1919 schreibt "Genossin M.": "Nun sind wir – ebenso gut wie die
Frauen der Fortschrittsländer, – Bürgerinnen im wahrsten Sinne des
Wortes: das aktive und das passive Stimmrecht wurde uns in der
Kammersitzung vom 8. Mai 1919 zuerkannt. Gerechtigkeits- und das
Gleichheitsprinzip haben gesiegt! Doch nur auf politischem Gebiet. Wie
aber sieht es aus in wirtschaftlicher Beziehung? Bekommt die Frau für
gleiche Arbeit etwa gleichen Lohn wie die Männer? Da wird sofort wieder
die alte Ritournelle wahr: die Frau zählt noch nicht! Und doch! Die
Frau wird zu beweisen wissen, dass sie zählt, dass die jetzige und
kommende Menschheit sie nicht mehr übergehen darf, dass sie deren
Forderungen als ernst und berechtigt anzunehmen hat."
Die Faktoren, die zur Bildung einer einflussreicheren Frauenbewegung nötig gewesen wären, waren vor dem Ersten Weltkrieg noch nicht gegeben: durchstrukturierte, diskussionsfähige Parteien und Gewerkschaften, höhere Bildung und mehr weibliche Präsenz in den neuen Erwerbsbereichen sowie stärkere Sensibilität der Frauen für ihre eigene Lage. Die spärlichen Frauenorganisationen setzten sich nicht für das Wahlrecht ein. So wurde in Luxemburg kein Frauentag organisiert, wie er in den anderen europäischen Staaten ab 1911 - oft als Aktionstag für das Frauenstimmrecht - stattfand. Nur die Sozialdemokratie sprach sich seit Anfang des Jahrhunderts für das Frauenstimmrecht aus.
Ab Juni 1918 begannen die parlamentarischen Arbeiten zu einer Reform
der Verfassung. Anfang 1919 kam im Rahmen der Verfassungsdebatte der
Artikel 52 auf die Tagesordnung. Nachdem von allen Parteien das Prinzip
des allgemeinen Wahlrechts angenommen worden war, wurde das
Frauenwahlrecht endlich auch im Parlament diskutiert. Der Vorschlag der
sozialistischen Abgeordneten, das Frauenwahlrecht in der Verfassung zu
verankern, wurde mit der Unterstützung der Rechten gegen die Liberalen
angenommen (39 gegen 11 Stimmen bei einer Enthaltung).
Das Frauenwahlrecht als demokratische Forderung war eher taktische
Verhandlungsmasse und strategische Maßnahme in Erwartung des
Referendums zur Dynastiefrage und der Wahlen denn das Resultat einer
tief greifenden politischen Auseinandersetzung. Die erstaunliche
Ausdauer, mit der das Frauenwahlrecht auf der Ebene von Parlament und
Presse ignoriert wurde, ist beispielhaft für einen die Frauen
ausgrenzenden politischen Diskurs, der sich erst fünfzig Jahre später
zu wandeln begann.
Lily
Beckers spontane Rede auf dem Knuedler anlässlich der Demonstration um
Teuerungszulage und Lebensmittelpreise vom 13. August 1919 ist der
Beginn ihres lebenslangen politischen Engagements.
1898 geboren, engagiert sie sich sehr früh in der Arbeiterbewegung.
1919 tritt sie in die sozialistische Partei ein und wird dort
engagierte Aktivistin. 1920 hängt sie den Beruf des "Ladenmädchens" an
den Nagel und wird Sekretärin im Gewerkschaftsbüro. 1924 wird sie
Sekretärin der Arbeiterkammer. Sie versucht, Frauen gewerkschaftlich zu
organisieren.
In der Zeitung "Der Proletarier" appelliert sie: "Aufgewacht!
Kameradinnen! (...) Schwester, Du, die tagtäglich in der Fabrik in
staubiger Atmosphäre schwere Arbeiten verrichten musst; Freundin, Du,
die im luftlosen Kontor gekrümmt vor großen Büchern sitzest; Du,
Kollegin, die im Atelier sich die Hände blutig sticht; Du, Kameradin,
die um einen Hungerlohn den ganzen Monat hinter einem Ladentisch
stehst; Ihr Alle, die Ihr Euch sorgt und müht, kommt zu uns, mit uns."
In den dreißiger Jahren gehört Lily Becker zu denen, die Flüchtlinge
aus Nazi-Deutschland unterstützen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs
emigriert sie mit ihrem Mann, Arbeitsminister Pierre Krier, nach London
und in die USA.
Zur Einführung des Wahlrechts 1919 meint sie 1979 rückblickend: "De
Fraë wor deemols alles wurscht. Si kruten d'Wahlrecht an de Schouss
geschott fir d'Dynastie ze retten."
Einführung des Frauenwahlrechts auf nationaler Ebene
1906: Finnland
1918: Deutschland
1928: Großbritannien
1934: Türkei
1944: Frankreich
1948: Belgien
1971: Schweiz
1976: Portugal
Quellen:
Compte rendu des séances publiques de la Chambre des Députés.
Goffinet, Viviane: "Die Arbeiterinnen sollen heraustreten aus dem
Schatten ihrer Maschinen ..." : Frauen und Gewerkschaft zwischen 1900
und 1938. In: "Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen…" : Frauen
in Luxemburg 1880-1950. Hg. von Germaine Goetzinger, Antoinette Lorang,
Renée Wagener. Luxemburg, 1997, S. 239-254.
Scuto, Denis: Sous le signe de la grande grève de mars 1921 : les
années sans pareilles du mouvement ouvrier luxembourgeois 1918-1923.
Esch/Alzette, 1990.
Wagener, Renée: "Wie eine frühreife Frucht" : zur Geschichte des Frauenwahlrechts in Luxemburg. Luxemburg, 1994.
Wagener, Renée: Marguerite Thomas-Clement. "Sprecherin der Frauen" :
die erste Abgeordnete. In: "Wenn nun wir Frauen auch das Wort
ergreifen…" : Frauen in Luxemburg 1880-1950. Hg. von Germaine
Goetzinger, Antoinette Lorang, Renée Wagener. Luxemburg, 1997, S.
99-112.
Wagener, Renée: "Si hunn näischt ze erwaarde gehat, bei kengem." Die
politische Rolle der Frauen in der 50er Jahren. In: Luxemburg in den
50er Jahren : eine kleine Gesellschaft im Spannungsfeld von Tradition
und Modernität. (Publications scientifiques du Musée d’histoire de la
Ville de Luxembourg Bd. 3), Hg. von Claude Wey. Luxemburg, 1999, S.
159-181.