Interview mit der Journalistin Cléo Thoma, seit Jahren begeisterte Rugbyspielerin
(js) Für mich als Außenstehende ist Rugby eine Mischung aus Fußball, Handball und vielleicht American Football.
Was sind die grundliegenden Unterschiede? Wo stammt Rugby her?
(ct) Fußball und Rugby stammen aus England. Anfangs wurde der Ball mit
dem Fuß in die gegnerische Hälfte befördert. Die Legende erzählt nun,
dass während eines Schulturniers in der englischen Stadt "Rugby" ein
gewisser William Webb Ellis sozusagen aus Eigeninitiative heraus den
Ball während eines Spiels einfach unter die Arme nahm und in Richtung
gegnerisches Tor lief. Eine neue Variante des Footballs war geboren…
Das war im Jahre 1823. Nach und nach wurden die Regeln festgelegt und
das Rugby hat sich mittlerweile definitiv vom Fußball gelöst.
Zum American football: Die Ballform ist die gleiche und es ist
ebenfalls ein Kontaktsport. Ansonsten gibt es schon einige Unterschiede.
Ist Rubgy also ein Zusammenspiel aus Taktik und Körpereinsatz?
Ja, Körpereinsatz gehört dazu so wie bei jeder Mannschaftsportart. Rugby ist aber vor allem ein Teamsport.
Rugby wird häufig als „die härteste Ballsportart der Welt“ bezeichnet. Stimmt das?
Wie fair ist das Spiel? Gibt es häufig Verletzungen?
Rubgy ist sicherlich nicht die härteste Sportart. Es ist eine so
genannte Kontaktsportart in der man aneinander gerät und wo es darum
geht, sich vorwärts zu bewegen und an Terrain zu gewinnen um den Ball –
den Regeln entsprechend – im gegnerischen Feld unterzubringen. Erst
dann kann man einen Versuch (engl. „try“) machen.
Es gibt strenge Regeln, die darauf ausgerichtet sind, die SpielerInnen
zu schützen. Mutwillige Aktionen wie „sich die Füße am Gegner abputzen“
werden streng geahndet.
So auch beim Tackling: Man darf den Gegner nicht am Hals packen,
sondern idealerweise so ungefähr im Bereich Oberschenkel/Knie. Im
Prinzip tut sich niemand dabei weh. Verletzungen entstehen oft aus
Mangel an Erfahrung.
Im Rugby herrscht generell eine andere Mentalität als im Fußball. Im
Fußball geht es härter zu, auch Schwalben sind beispielsweise an der
Tagesordnung, im Rugby wird allgemein weniger Theater gespielt….
Außerdem ist das Publikum disziplinierter, Hooliganism ist ein Fremdwort im Rugby.
Laut dem Präsidenten des luxemburgischen Verbandes ist sogar Kegeln gefährlicher als Rugby…
Nun zu dir: Wie bist Du zum Rugby gekommen?
Ich habe mir Rugby schon immer schrecklich gerne angeschaut. Durch
Zufall habe ich erfahren, dass es in Luxemburg eine Frauenmannschaft
gibt und mir gedacht, die müsste man interviewen…
Der Kontakt im Verein war sehr herzlich. Ich bin mit offenen Armen
empfangen worden. Es wird immer gesagt, Rugby sei eine große Familie
und so empfinde ich das auch.
Hast Du Erfahrungen mit anderen Sportarten?
Parallel jogge ich noch, und in meiner Jugend war ich im Turnverein.
Was macht für Dich die Faszination Rugby aus?
Der Teamgeist, das kollektive Erleben, die Stimmung - all das ist sehr, sehr schön!
Auch ist Rugby eine Schule fürs Leben. Werte wie Respekt, Courage,
Wille, Ausdauer, Teamgeist werden groß geschrieben. Rugby kann auch
Kindern viel bringen.
Meine Tochter (12 J.) beispielsweise spielt Rugby und das mit großer
Begeisterung, auch wenn sie hauptsächlich zusammen mit den Jungs
trainiert. Sie ist das einzige Mädchen in ihrer Kategorie und hat sich
durchgesetzt. Sie wird voll respektiert, was eine schöne Erfahrung in
dem Alter ist.
Im Rugby sieht man nicht viele Frauen: Liegt das daran, dass
Jungs von Hause aus eher gewohnt sind sich zu raufen als Mädchen?
Das hängt von den jeweiligen Familien ab. Ich bin mit zwei Brüdern
aufgewachsen und habe mich extrem viel gerauft. Rugby hat allerdings
auf den ersten Blick auch nichts Damenhaftes, es ist eine Sportart,
die - im Gegensatz zu Ballett oder anderen „weiblicheren
Sportarten“ - viel mit Körpereinsatz, mit sich schmutzig machen
zu tun hat.
Oder ergibt sich vielleicht gerade daraus die Faszination fürs Rugby?
Weil in der Erziehung von Mädchen gelenktes körperliches aggressives
Verhalten eher unterdrückt wird, bereitet es so viel Vergnügen, das
Raufen auf dem Feld in sportlich geregelter Form wieder zu entdecken?
Es hat in der Tat etwas sehr befreiendes – und es macht Spass! Ich
könnte mir vorstellen, dass wenn das Raufen im Kindesalter unterdrückt
wurde, es später umso mehr Freude macht.
Bei Erwachsenen ist es ein klasse Mittel, um Energie loswerden und umsetzen. Insbesondere nach acht Stunden Büroarbeit.
Hast Du Vorbilder im Frauenrugby?
Mir fällt jetzt kein internationaler Star ein, auch weil Frauenrugby in
den Medien weniger präsent ist, ansonsten: unsere Kapitänin sowie
einige Spielerinnen meiner Mannschaft!
Am Anfang wurden Frauen im Rugby verspottet, sie haben sich aber nicht
unterkriegen lassen und haben sich durchgesetzt. Aktuell ist
Frauenrugby unheimlich im Kommen, europaweit tut sich richtig was.
Hast Du das Gefühl, die Vereine fördern Frauen genau so wie Männer?
Sie haben Interesse daran, denn die Nachfrage ist sehr groß. Frauen wollen Rugby spielen!
Persönlich bin ich sehr gut unterstützt worden; in Luxemburg haben wir
drei Trainer, die sich für uns einsetzen – und das ehrenamtlich!
Ich hatte auch schnell die Gelegenheit, an internationalen Turnieren
teilzunehmen. Luxemburg ist in Sachen Frauenrugby ganz große Klasse!
Nochmal einen Schwenk zum (Frauen)fußball: Der wird ja in den letzten
Jahren – gerade in Deutschland – immer populärer. Oft wird gesagt, die
Frauen seien fairer, weniger aggressiv und würden darüber hinaus auch
noch ästhetischer spielen als die Männer– trifft das auch für das Rugby
zu? Oder entspricht das nur unserem klischeehaften Denken wonach Frauen
die zarteren Wesen sind?
Ich kucke sehr gerne Männerrugby. Wir haben aber einen Trainer, der
behauptet, Männerrugby sei mehr ein „rentre dedans“, bei den
Frauen ginge es eleganter zu. Aus eigener Erfahrung kann ich dies nicht
verallgemeinern.
Was hälst Du davon, Mannschaftssportarten paritätisch zu besetzen? Also zur Hälfte mit Frauen und mit Männern.
Ich persönlich spiele lieber in Frauenmannschaften, denn die Nachfrage
ist groß genug. Außerdem sind die Männer schwerer und größer. Da sind
die körperlichen Unterschiede doch zu groß.
Gibt es Unterschiede in den Regeln?
Die Regeln sind gleich, die Ausmaße des Spielfelds ebenfalls, nur die Spielzeit kann je nach Austragemodus variieren.
Du übst eine Sportart aus, die – zumindest in Luxemburg - nicht sehr populär ist.
Das stört mich nicht – im Gegenteil, es ist eher eine Motivation, mich
noch mehr für meinen Sport einzusetzen. Die Präsenz in den Medien nimmt
auch zu.
In welchen Ländern ist Frauenrugby am populärsten?
Idem wie bei den Männern: im englischsprachigen Raum, in Frankreich, in Italien, in Australien oder Neuseeland...
Hinzu kommen die sogenannten „emerging countries“: die Belgierinnen,
die Spanierinnen, die Finninnen und die Holländerinnen, um nur die zu
nennen.
Wie ist das Frauenrugby in Luxemburg organisiert?
Es gibt eigentlich nur eine Frauenmannschaft, und diese gehört zum
Rugby Club Walferdange (der Club feiert diese Saison übrigens seinen
20. Geburtstag – die Frauenmannschaft ist allerdings um einiges
jünger!) Trotzdem haben wir reichlich Gelegenheit, gegen andere Teams
zu spielen: Wir spielen nämlich in der belgischen Liga. Ausserdem
stellen dieselben Spielerinnen auch die Nationalmannschaft, mit der wir
an Europäischen Wettkämpfen teilnehmen. Hervorzuheben ist auch noch,
dass wir eine ziemlich internationale Mannschaft sind – das hängt zum
Teil damit zusammen dass Rugby traditionell von EinwanderInnen aus
Frankreich, und dem englischsprachigen Raum praktiziert wird.
Mittlerweile entspricht unser Team eigentlich recht gut der
Multikulturalität des Landes: bei uns spielen Irinnen, Engländerinnen,
Französinnen, Belgierinnen, Portugiesinnen, … und natürlich auch (und
auch immer mehr) Luxemburgerinnen – das Training ist mehrsprachig und
wir verstehen uns alle prächtig – beim Training wie auch im Match.
Wir freuen uns über jeden Neuzugang, und wir möchten aufräumen mit dem
Klischee, dass Frau 2m groß und 1m breit sein muss, um im Rugby zu
bestehen. Auch Frauen, die sich à priori nicht so sportlich fühlen sind
willkommen. Vielleicht entdecken sie ja erst ihr Talent, haben ein
besonderes Ballgefühl oder den im Rugby so wichtigen Teamgeist.
Auch das Alter spielt keine große Rolle. Ich war schon über 30 als ich dazu gestoßen bin…

Praxis
Wo: in Walferdange, stade prince Henri rue de L’Alzette
Wann: Montag und Mittwoch von 19h30 bis 21h30
www.walferdange-rugby.lu
und
Theorie
Try, Versuch: Ein Versuch wird erzielt, wenn es gelingt, den Ball im gegnerischen Malfeld auf dem Boden abzulegen.
Tackling: Das Tiefhalten, auch Tackling genannt, bezeichnet im Rugby die
Spieltechnik, um den Gegenspieler aufzuhalten. Der Spieler versucht den
Ballträger dadurch aufzuhalten, dass er ihn mit den Armen umgreift.
Dabei darf er nicht oberhalb der Schultern halten.
Der Ball darf mit der Hand nur nach hinten geworfen oder übergeben werden, das Treten des Balles ist in alle Richtungen erlaubt.