WIE RENTABEL SIND KINDERTAGESSTäTTEN? (2.3.08)
« La crèche est rentable, c’est son absence qui coûte »
So
lautete der Titel des Vortrags, zu dem der Conseil National des Femmes
du Luxembourg am 31. Januar eingeladen hatte. Referentin war die
Volkswirtschaftlerin Lynn Mackenzie Oth, die in ihrer Untersuchung über
Kindertagesstätten in der französischsprachigen Schweiz klar
nachgewiesen hat, dass diese Betreuungsstrukturen rentabel sind und das
nicht nur für die direkt betroffenen Familien, sondern für die
Allgemeinheit insgesamt.
Das mag spontan verwundern, sind wir doch gewohnt an das permanente
Gejammer – sei es in der Presse oder am Stammtisch - über
die Kosten dieser Einrichtungen für die Gesellschaft.
Die Volkswirtschaftlerin beweist in ihrer Untersuchung, dass für 1
Franken (Schweizer Währung), der in die Tagesstätten investiert wird,
durchschnittlich 3 Franken an die Allgemeinheit zurückfließen.
Für 1 Franken an Subventionen fließt (vor allem über die Steuern, die
Sozialabgaben, die Senkung der Sozialbeihilfen) 1 Franken an die
öffentliche Hand zurück, d.h. die Investition in eine Kindertagesstätte
ist kostenneutral bei einer öffentlichen Bezuschussung von 70
Prozent.
Die Kosten für die Betreuungseinrichtungen setzen sich
bekanntlich zusammen aus den öffentlichen Subventionen und den
Beiträgen der Eltern – in manchen Fällen noch aus den Beiträgen von
Betrieben. Wo liegt denn nun der Nutzen?
Direkte, durch Zahlen belegte, Vorteile der Kindertagesstätten
- Da die Berufstätigkeit der Eltern, vor allem der Frauen, zunimmt,
bezahlen sie auch mehr Steuern und Sozialabgaben, was dem Staat und der
Allgemeinheit zugute kommt.
- Der Staat spart teilweise Kosten für soziale Hilfen, die auf Grund
eines niedrigen Einkommens an Haushalte ausbezahlt werden (z.B.
Mietzuschuss, Heizzulage)
- Die Kaufkraft der Familien nimmt durch die verstärkte Berufstätigkeit
zu. Die allein erziehenden Familien können ihre finanzielle Autonomie
verbessern.
- Die berufstätigen Eltern behalten bzw. verbessern ihre
professionellen Kompetenzen, was ihnen den Zugang zu qualifizierteren
und gleichzeitig besser bezahlten Arbeitsplätzen ermöglicht; ihr
Lebensstandard verbessert sich demzufolge.
- Durch die höheren Sozialabgaben haben sie Anspruch auf eine höhere Rente.
Zusätzliche Vorteile der Kindertagesstätten
Die Autorin der Studie weist darauf hin, dass die Existenz von
Kindertagesstätten noch zusätzliche Vorteile nach sich zieht, die durch
Zahlen belegt werden könnten, auch wenn das in dieser Untersuchung
nicht der Fall ist.
So führt sie an erster Stelle ein höheres Wirtschaftswachstum an, das der Allgemeinheit zugute kommt.
Weiter macht sie darauf aufmerksam, dass in Betreuungsstrukturen
allgemeine Defizite der Kinder (z.B. Sprache, Gesundheit) schneller
diagnostiziert werden und in besagten Fällen früher geholfen werden
kann, wodurch Kosten eingespart werden.
Dies gilt auch für die soziale Integration der Kinder, die sich durch
den Besuch einer Kindertagesstätte verbessert; auf Grund der Betreuung
durch ausgebildetes Personal haben die Kinder bessere schulische und
berufliche Voraussetzungen.
Die Betriebe profitieren ebenfalls: Wegen der verstärkten
Berufstätigkeit haben sie eine größere Auswahl an qualifizierten
Arbeiterinnen; gleichzeitig entfallen Kosten, die durch häufigen
Personalwechsel entstehen.
Durch Kindertagesstätten werden außerdem zusätzliche Arbeitsstellen
geschaffen, was sich positiv auf die regionale Wirtschaft auswirkt.
Nicht so leicht zu chiffrieren, aber nicht zu unterschätzen sind die
Tatsachen, dass Migrantenkinder und einheimische Kinder in den
Tagesstätten zusammen „aufwachsen“,
was für den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft wichtig ist. Die
ausländischen Kinder haben auch Vorteile in Bezug auf den Spracherwerb
und somit verbessern sie ihre schulischen Erfolgsaussichten.
Dadurch dass beide Eltern gleichermaßen berufstätig sind, bietet sich
die Chance einer partnerschaftlichen Rollenaufteilung innerhalb der
Familien.
Nicht zuletzt ist es für die Betriebe und für eine ganze Region von
Vorteil, wenn sie über genügend Kindertagesstätten verfügt, da junge
Familien immer mehr die Wahl ihres Wohnortes von der Existenz von
Kindertagesstätten abhängig machen.
Fazit und Ausblick
Die zahlreichen angeführten Vorteile haben deutlich gemacht, dass
die Existenz von Kindertagesstätten wirtschaftlich den Familien, den
Betrieben, aber auch dem Staat und der Gesellschaft insgesamt zugute
kommt. Dieser Nutzen ist langfristig. Es ist folglich logisch, dass die
öffentliche Hand Gelder zur Verfügung stellen muss um den bestehenden
Bedarf an Kindertagesstätten zu decken. Wichtig ist es auch zu
definieren, welches die Kosten und die Vorteile für alle Beteiligten
sind.
Diese Diskussion muss auch in Luxemburg geführt werden. Zurzeit klagen
die Gemeinden über unzumutbare Kosten, was die „structures d’accueil“
angeht. Gleichzeitig finden viele Familien die von ihrem Lohn
abhängigen Beiträge für die Betreuungseinrichtungen viel zu hoch.
Welcher Beitrag ist für wen zumutbar? Oder sollten Kindertagesstätten
etwa gratis sein?
Das Thema ist brisant. Familienpolitik kündigt sich bereits als ein wichtiges Thema für die nächsten Wahlen an.
Fußnote: Wer sich für die Studie interessiert, kann diese auf der Webseite des CNFL www.cnfl.lu einsehen.
(Colette Kutten)